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Samstag, 10. Januar 2009

Filmkritik: Zehn Säcke Reis auf dem Weg nach China

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Es gibt drei Oceans und Impossible Missions, vier Rambos, fünf Rockys, sechs Cities, sieben Glorreiche, acht Frauen und neuneinhalb Wochen, aber den cinematographischen Vogel abgeschossen hat nun "Zehn Säcke Reis auf dem Weg
nach China". So lautet nämlich der lapidare Titel des neuen filmischen Geniestreichs des ursprünglich monegassischen, aber seit der Wende in den USA lebenden Starregisseurs Jean-Luc Hutschenreuther, der zum Jahreswechsel überraschend mit einundvierzig Oscar-Nominierungen bedacht wurde. Dies wird der größte Box Office-Hit aller Zeiten und er wird Titanic, Herr der Ringe, Vom Winde verweht und Angriff der Killertomaten weit hinter sich lassen, wie Insider prophezeien. In den USA ist der Film gestern um drei bereits angelaufen; wir Europäer müssen leider mit einem aufgrund der Witterungsverhältnisse sehr verspäteten Kinostart - avisiert ist der 30. Februar - rechnen. Die Handlung in Kürze:

Die Protagonisten - zehn Säcke Reis, kongenial verkörpert von Brad Pitt, Bruce Willis, Nicolas Cage, George Clooney, Sean Connery, Keanu Reeves, Jack Nicholson, Will Smith, Robert DeNiro und Tom Hanks - werden von einem senilen Magier (Johannes Heesters in einer Glanzleistung als "Gerontilus") auf eine waghalsige Mission nach China geschickt, um dort eine verwunschene Prinzessin und deren Halbschwester (Charlize Theron, gewohnt professionell und stilsicher, in anspruchsvoller Doppelrolle) aus einem triadischen Verlies in der Provinz Pak Choi zu retten und an den Hof ihres Reiches (kaum verschlüsselt: der europäische Kleinstaat "Manoco") zurückzubringen.

So banal, wie die Story klingt, so innovativ wird sie in Szene gesetzt: Nicht nur, dass Hutschenreuther die Titelhelden bereits nach den ersten zwölf Minuten des dreieinhalb Stunden dauernden Epos aus dem Rest des Films verbannt (möglicherweise eine Variation von Janet Leighs allzu frühem und allzu brutalem Ende in Hitchcocks "Psycho") - alle zehn fallen einem Schwerlastwagen-Autobahnunfall zum Opfer -, sie werden außerdem während dieser gesamten zwölf Minuten nur von hinten gezeigt. Hier läßt wohl Miles Davis grüßen, der etliche seiner Auftritte durchgehend mit dem Rücken zum Publikum absolvierte, und dessen frühe Jazz-Experimente einen guten Teil des avantgardistischen Soundtracks bestreiten. Damit nicht genug, kommt nur einem einzigen der Säcke eine Sprechrolle zu (Jack Nicholson in der elften Minute: "Börp. Tschuldigung.").

Den Löwenanteil bespricht hingegen der senile Magier, der in scheinbar unmotivierten Zwischenschnitten und zusammenhanglosen Off-Kommentaren ("Ich hab das Bleichmittel vergessen"; "Wo ist mein dreieckiger Hut"; "Besser war alles früher" udgl.) zunächst für Verwirrung, dann für Ermüdung, schließlich aber doch für Erleuchtung und restlose Begeisterung der Zuschauer sorgt, während im letzten Drittel des Films die an Intensität und Intimität nicht mehr zu übertreffenden Gespräche im Verlies zwischen der Prinzessin und ihrer Halbschwester über Menstruationsprobleme, Beziehungskrisen und die Hassliebe zum gemeinsamen Vater (verkörpert vom in einem viel zu kurzen Cameo-Auftritt in Erscheinung tretenden Harald Schmidt) dominieren. Wahrhaftig ein Wechselbad der Empfindungen und eine emotionale wie mentale Tour de Force, die noch den letzten und desinteressiertesten Kinogänger vom Sessel hebt.

Das Ende des Films - und, wie es schon im goetheschen Spruch heißt, alle Fragen - bleiben offen, denn weder werden die Schwestern gerettet, noch das Schicksal der Säcke aufgeklärt, selbst die möglicherweise entscheidenden Schlusssätze des zahnlosen Magiers gehen in unverständliches Genuschel über und darin unter, während die Kamera ein letztes Mal kontemplativ über die unendlichen Weiten unbewohnter chinesischer Hügellandschaft schwenkt.

Hutschenreuther hat hier alle Register gezogen - ein überraschender, kontroverser und dennoch hochgradig kommerztauglicher Film von dichtester Atmosphäre und gleichzeitig atmosphärischster Dichte, der sich über alle Genrezwänge leichtfüßig hinwegsetzt. Er wird das traditionelle amerikanische Erzählkino revolutionieren - und zweifellos auch die verwöhntesten und skeptischsten europäischen Cineasten überzeugen.

Quelle: "Cinema - Das Kinomagazin", Nr. 01/2009, S. 278

1 Kommentar:

Ingolf hat gesagt…

DAS kam sicher nicht von Tsinema, das muß ein okinal TiTo sein ...

:-)